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Das hochbegabte Kind im schulischen Kontext 

Wir brauchen die Schlauen

Wie die Schule begabte Kinder fördern muss, damit ihre Intelligenz nicht verkümmert. Eine Erklärung in zehn Thesen. von Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer

Die Zeit Online

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  • Hochbegabte in Schulen

    Montag, 16. Oktober 2017 00:00

    Das hochbegabte Kind im schulischen Kontext 

    Wir brauchen die Schlauen

    Wie die Schule begabte Kinder fördern muss, damit ihre Intelligenz nicht verkümmert. Eine Erklärung in zehn Thesen. von Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer

    Die Zeit Online


    Intelligenten Nachwuchs fördern

    Erstens: Wir müssen den besonders intelligenten Nachwuchs fördern, denn wir brauchen ihn
    Moderne Gesellschaften brauchen viele Menschen, die geistig flexibel sind, die Neues erfinden und entdecken, die bereit sind, Verantwortung zum Wohle aller zu tragen. Überdurchschnittliche Intelligenz ist dazu eine notwendige Voraussetzung. Damit sie auch zum Tragen kommt, müssen überdurchschnittlich intelligente Menschen vor allem in der Schule so gefördert werden, dass sie ihre allgemeine Intelligenz in spezifische Höchstleistungen ummünzen können, etwa in Mathematik und Naturwissenschaften, aber auch in der Ökonomie und im sozialen Bereich. Das gelingt bislang nur unzureichend, weil überdurchschnittlich intelligente Schülerinnen und Schüler nicht genügend gefördert werden und weil es viele intelligente Arbeiter- und Einwandererkinder nicht aufs Gymnasium schaffen und somit unentdeckt in geistig weniger anregenden Schulen versauern.
    Dabei sollte man den Blick nicht nur auf die wenigen sogenannten Hochbegabten richten, sondern auf die 15 bis 20 Prozent deutlich überdurchschnittlich Intelligenten.


    Intelligenz ist messbar

    Zweitens: Intelligenz ist messbar
    Umgangssprachlich werden heute alle möglichen Fähigkeiten als Intelligenz bezeichnet. So spricht man von sozialer oder emotionaler Intelligenz; aber diese Begriffe sind zu schwammig, als dass sie aus wissenschaftlicher Sicht brauchbar wären. Wir beziehen uns deshalb hier auf den klassischen Begriff der kognitiven, also geistigen Intelligenz. Sie umfasst vor allem schlussfolgerndes Denken, sprachliche und mathematische Fähigkeiten, räumliches Vorstellungsvermögen und effiziente Gedächtnisleistungen. Kurz: die generelle Fähigkeit, die Welt in ihren Regeln zu erfassen und wechselnde Aufgaben zu bewältigen. Man kann diese Denkfähigkeit mithilfe von Intelligenztests messen. Und man kommt – was den Begriff Intelligenz wissenschaftlich tragfähig macht – bei Wiederholung auch mit unterschiedlichen Tests auf einen vergleichbaren Wert: den sogenannten Intelligenzquotienten (IQ).
    Der IQ gibt an, wie intelligent eine Testperson im Vergleich zu anderen Gleichaltrigen aus derselben Bevölkerung ist. Intelligenzvergleiche zwischen sehr unterschiedlichen Gruppen, etwa Völkern, verbieten sich, weil Intelligenztests kulturell geprägt sind. Mit einem IQ von 100 verfügt man über durchschnittliche Intelligenz (siehe Grafik auf Seite 76). Zwei Drittel der Bevölkerung haben einen IQ zwischen 85 und 115. Rund 17 Prozent können mit einem IQ von mehr als 115 als überdurchschnittlich intelligent gelten, und 2 Prozent mit einem IQ von mehr als 130 als hochbegabt.


    andere Fähigkeiten werden überschätzt

    Drittens: Intelligenz ist wichtig, andere Fähigkeiten werden überschätzt
    Intelligenz ist von großer Bedeutung für Erfolge in Schule, Ausbildung und Beruf und damit Maßstab für die Leistungsfähigkeit des Einzelnen, also auch eine wichtige Voraussetzung für ein gesundes und glückliches Leben. Wenn Menschen mit eher geringer Intelligenz es aufgrund ihrer sozialen Herkunft in hohe Positionen geschafft haben, können sie ihren Aufgaben nicht gerecht werden. Natürlich kommt es vor, dass weniger intelligente Schüler bessere Schulleistungen erbringen als intelligentere. Das zeigt aber nur, dass es der Schule nicht gelungen ist, die vorhandenen Intelligenzressourcen zu nutzen. Intelligenz ist natürlich nicht der einzige Erfolgsfaktor und auch kein Erfolgsgarant für jedes Individuum, aber von allen beobachtbaren Eigenschaften ist sie, statistisch gesehen, eindeutig der bedeutendste.
    Es gibt einige andere Faktoren, die Einfluss auf den schulischen und beruflichen Erfolg haben, etwa Fleiß, die Motivation, Leistung zu erbringen, Ausdauer und Disziplin, das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit, Sozialkompetenz. Sie sind aber in den meisten Fällen nicht so wirkungsmächtig wie die Intelligenz. Wissenschaftlich nicht haltbar ist auch der Mythos, besonders begabte Menschen hätten mehr soziale oder psychische Probleme als ihre Mitmenschen. Inzwischen zeigen viele Studien, dass selbst Hochbegabte – von wenigen Ausnahmen abgesehen – besser ihren Weg durchs Leben finden als andere.


    Zusammenwirken von Genen und Umwelt

    Viertens: Das Zusammenwirken von Genen und Umwelt macht den Unterschied
    Die Wissenschaft hat noch nicht alle Rätsel der Intelligenzentwicklung gelöst, aber schon eine ganze Reihe. Inzwischen ist unstrittig, dass Intelligenzunterschiede in hoch entwickelten Gesellschaften zu einem großen Teil auf Unterschiede in der genetischen Ausstattung zurückzuführen sind. Es gibt nicht das Intelligenz-Gen; aber ein Orchester von Genen bestimmt maßgeblich unsere geistigen Fähigkeiten. Die Gene legen unser Intelligenzpotenzial fest. In welchem Ausmaß es zum Tragen kommt, entscheidet die Umwelt. Hier ist die Analogie zur Pflanzenwelt hilfreich: Aus einem Gänseblümchen-Samen entwickelt sich auch bei bester Pflege keine Rose. Aber damit Gänseblümchen und Rose ordentlich wachsen und ihre Pracht entfalten können, brauchen sie Sonne und müssen gegossen werden. In Zwillingsstudien wurde ermittelt, dass Intelligenzunterschiede zu 50 bis 80 Prozent erblich sind. Zu dieser großen Bandbreite kommt es aufgrund von Unterschieden in den untersuchten Gruppen. Je mehr Chancen die Teilnehmer einer Studie hatten, ihr genetisches Potenzial in Intelligenz umzusetzen, umso stärker schlägt das Erbe durch.
    Die Vererbung der Intelligenzunterschiede führt aber nicht dazu, dass einzelne Familien oder Gruppen immer intelligenter oder immer weniger intelligent würden. Von Generation zu Generation werden die Karten neu gemischt, und die Vererbung tendiert nicht in Richtung der Extreme, sondern zur Mitte. Deshalb ist die Angst, weniger intelligente Zuwanderer könnten unseren Genpool gefährden, unbegründet.


    Bedeutung der Frühförderung

    Fünftens: Die Bedeutung der Frühförderung wird gleichzeitig überschätzt und unterschätzt
    Während der Schwangerschaft und – wenn das Umfeld nicht gestört ist – auch im Säuglingsalter sorgt die Natur in beeindruckender Weise für eine intelligenzförderliche Entwicklung des Nachwuchses. Die in Mittel- und Oberschichtfamilien verbreitete Frühförderhysterie bringt den Kindern aus wissenschaftlicher Sicht gar nichts. Sie brauchen Wärme, Milch, später Brei und ihnen zugewandte und mit ihnen sprechende Bezugspersonen, sonst nichts. Die leider auch von verantwortungslosen Forschern verbreitete Angst, es würden sich früh sogenannte Lernfenster schließen, hat sich als grundlos erwiesen. Mangelnde Fürsorge aber kann sich fatal auswirken. Kinder, um die sich bis zum Alter von zwei Jahren keiner gekümmert hat, das zeigen Studien mit osteuropäischen Waisen, können ihr Intelligenzpotenzial auch in fürsorglichen Adoptionsfamilien später nicht mehr voll entfalten. Auch im Kleinkindalter ist kein spezielles Intelligenztraining vonnöten. Emotional dem Kind zugewandte Eltern, die mit ihm spielerisch die Welt erkunden, reichen aus. Als sinnvoll haben sich Unterstützungsprogramme für Kinder in sozialen Brennpunkten erwiesen, die die Eltern einbeziehen und ihnen bei einer liebevoll-kommunikativen Erziehung helfen. Ab einem Alter von vier Jahren, das zeigen Studien zur Intelligenzentwicklung, profitieren die Kinder von einer intellektuell anregenden Umgebung. Weiterhin spielerisch kommen die Kinder geistig voran, wenn man mit ihnen Mensch ärgere Dich nicht und Memory spielt oder etwa einen Garten gestaltet. Von einem kindgerechten Bildungsangebot in einem guten Kindergarten profitieren sowohl Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien als auch Kinder aus Bildungsbürgerfamilien. Die einen bekommen auf diesem Weg überhaupt die Chance, bestimmte Kompetenzen zu erwerben, während die anderen soziale Lerngelegenheiten erhalten, die eine Kleinfamilie nicht bieten kann.
    Wir brauchen auf die vorschulische Bildung aber einen anderen Blick: Nicht die Quantität entscheidet, sondern die Qualität. Der Streit um die prozentuale Versorgung mit Krippen- und Kita-Plätzen lenkt davon ab, dass eine reine Verwahrung den Kindern nicht hilft. Zumindest die Leiterinnen der Kindergärten müssen ein Hochschulstudium absolviert haben.


    Die Schule macht den Unterschied

    Sechstens: Die Schule macht den Unterschied
    Alle Menschen brauchen schulische Bildung, um ihre Intelligenz zu entwickeln. Bis zum zehnten bis zwölften Lebensjahr, also grob bis zum sechsten Schuljahr, unterliegt der IQ noch größeren Schwankungen. In dieser Zeit entscheidet die Schule nicht nur darüber, was ein Kind lernt, sondern auch darüber, ob es sein genetisches Intelligenzpotenzial entfalten kann. Deshalb muss das Lernen in der Grundschule genauso überdacht werden wie der Zeitpunkt des Übergangs aufs Gymnasium oder andere weiterführende Schulen. Inhaltlich anspruchsvoller Unterricht von fachlich und didaktisch gut ausgebildeten Lehrern ist für alle Kinder, unabhängig von ihrer Intelligenz, gut. Dabei müssen die Lehrer vor allem die unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten im Blick haben, den weniger intelligenten Kindern mehr Zeit lassen und den intelligenteren Kindern mit Zusatzaufgaben mehr Denkfutter geben.
    Aus Sicht der Intelligenzforschung wäre die Trennung der Kinder in Gymnasiasten und andere Schüler frühestens ab der sechsten Klasse sinnvoll, weil es sonst Spätentwickler womöglich nicht aufs Gymnasium schafften, während "getrimmte" Kinder zu Unrecht dort landeten. Eine Verlängerung der Grundschulzeit sollte in Deutschland und Österreich aber erst dann auf die Tagesordnung gesetzt werden, wenn die Grundschullehrer fachlich gut genug ausgebildet sind, um auch Sechstklässlern anspruchsvollen Unterricht zu erteilen. Eine bloße Ausweitung der Grundschulzeit nützt gar nichts.

    siehe auch: Lernen macht intelligent


    Unterrichtsqualität entscheidet

    Siebtens: Die Unterrichtsqualität entscheidet, nicht die schulischen Rahmenbedingungen
    Intelligenz ist der Rohstoff, der in Wissen umgesetzt werden muss, und dazu braucht es guten Unterricht. Bildungsdebatten drehen sich zu häufig um die äußere Form der Schule. Gegliedertes Schulsystem oder Gesamtschulen? Das war das Thema der Schulpolitik der unproduktiven siebziger und achtziger Jahre. Heute versprechen sich viele von der Ganztagsschule bessere Leistungen. Mit diesem Starren auf Äußerlichkeiten muss Schluss sein, denn längst ist gesicherter Stand der Forschung, dass die äußere Form der Schule für die Kompetenzentwicklung der Schüler zweitrangig ist. Entscheidend ist anspruchsvoller Unterricht von Lehrern, die an den individuellen Fähigkeiten der Schüler anknüpfen können. Erst wenn der Unterricht stimmt, kann man überlegen, unter welchen Bedingungen er sein Optimum entfalten kann.


    Kinder brauchen gute Lehrer

    Achtens: Schlaue Kinder brauchen gute Lehrer
    Gerade um die sehr intelligenten Kinder zu fördern, braucht es besonders gute Lehrer. Auch der Blick auf das Bildungsmusterland Finnland richtet sich zu sehr aufs Äußere, etwa auf die Gemeinschaftsschule. Das eigentliche Geheimnis der finnischen Schulen wird oft übersehen: eine strenge Selektion beim Lehrerstudium. Nur etwa jeder zehnte Interessent wird zugelassen. Das kann man in den deutschsprachigen Ländern nicht einfach nachahmen, aber eine bessere Auswahl und Ausbildung der Lehrkräfte sind der Dreh- und Angelpunkt, um intelligente Kinder in der Schule optimal zu fördern.


    Universität braucht die Intelligentesten

    Neuntens: Die Universität braucht die Intelligentesten
    Die Universitäten haben ein Recht darauf, die Intelligentesten eines Jahrgangs zu versammeln, um die künftigen Verantwortungsträger in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft akademisch zu bilden. Wenn man die überdurchschnittlich Intelligenten an den Universitäten haben will, dann sollte man eine Quote von etwa 20 Prozent anstreben – das ergibt sich aus der Normalverteilung der Intelligenz. Höhere Studierquoten mögen politisch gewollt sein, aus der Intelligenzforschung ergeben sie sich nicht. Eine solch niedrige Quote ist natürlich nur sinnvoll, wenn neben den Universitäten ein System akademisch fundierter Ausbildungsstätten, wie etwa Fachhochschulen, und berufspraktischer Ausbildungsgänge, wie etwa die duale Berufsbildung, existiert, das ebenfalls den Weg in ein erfolgreiches Berufsleben ebnen kann.


    mehr Intelligenztests

    Zehntens: Wir brauchen mehr Intelligenztests
    Mithilfe von Intelligenztests – sofern sie professionell durchgeführt werden – können wir etwa an der Schwelle zum Gymnasium und an der Schwelle zur Universität unentdeckte Talente fördern und Blender zurückhalten. Es gibt keine vorhersagekräftigeren Diagnoseinstrumente für die individuelle Lern- und Bildungsfähigkeit und für den späteren Berufserfolg als Intelligenztests. Und ihre Prognosefähigkeit ist durchaus vergleichbar mit den genauesten medizinischen Diagnosen. Auf Intelligenztests zur Bildungs- und Berufsberatung zu verzichten wäre vergleichbar mit der Idee, in der medizinischen Diagnostik auf die Erkenntnisse der vergangenen 30 Jahre zu verzichten.

     

    siehe auch: Das hochbegabte Kind im schulischen Kontext

    Das hochbegabte Kind - Nachlese

    Mittwoch, 08. November 2017 00:00

    Nachlese zu: Das hochbegabte Kind im schulischen Kontext

    9. November 2017 um 17:30

    Vortrag/Diskussion mit Univ.Prof. Dr. Brigitte Sindelar         

      pdf Folien zum Vortrag

    Hochbegabte Kinder erkennt man nicht daran, dass sie gute SchülerInnen sind.

    Das intellektuell hochbegabte Kind ist  in seiner emotionalen und sozialen Situation immer noch altersentsprechend.

    Das hochbegabte Kind braucht intellektuelle Herausforderungen unter altersentsprechenden Bedingungen.

    aus: Interview mit Dr. Sindelar 

    pdf Grundsatzerlass zur Begabungs- und Begabtenförderung RS 25/2017


    So war das Programm

     17:30 Eröffnung und Begrüßung

               Ilse Schmid, Präsidentin des Landesverbandes der Elternvereine

    17: 35 Das hochbegabte Kind im öffentlichen Schulsystem

               Vortrag von Univ.Doz. Dr. Brigitte Sindelar

    18: 45 Vorstellung der steirischen Begabungsakademie

                Lisa Glück und Anna Pongratz

    19:00 Podiumsdiskussion

            Eva Legenstein, Mutter eines hochbegabten Underachiever, 2. Klasse VS

            Doris Miklauschina, Kids Manager bei Mensa Österreich

            Anna Pongratz, Leiterin der Begabungsakademie Steiermark

            Brigitte Sindelar, Vizerektorin Forschung an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien

     19:30 Fragen ans Podium

    Ende ca. 20:00


    Was es zum Thema noch gibt

    Vorbild OÖ

    Was versteht man unter Hochbegabung

    Merkmale einer Hochbegabung

    siehe: Intelligenz-wir brauchen die Schlauen

    siehe: Hochbegabte in Schulen

Geltungsbereich der Inhalte

Schulgesetze gelten in der Regel österreichweit. mehr

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